Montag, 23. Dezember 2013

Gebrauchte Canadier

Ein weiterer Text aus der Reihe "Unveröffentlichtes und Unveröffentliches":


Eigentlich habe ich noch nie einen fabrikneuen Canadier gekauft (mit Ausnahme eines Altlagerbestands, der deshalb eigentlich doch ein Gebrauchtboot war). Das mag für Händler und Importeure unerfreulich sein. Für mich ist es das nicht.

Gebrauchte Canadier haben Preisvorteile. Ihre Preise sind verhandelbar, gelegentlich werden sie erstaunlich günstig, manchmal schrecklich überteuert angeboten. Ich bekenne, dass dieser Umstand anfangs für mich handlungsleitend war. Ich war stets gehalten in mein Privathobby nicht unverhältnismäßig viel zu investieren. Deshalb habe ich besonders günstige Boote kurz entschlossen gekauft, bei den überteuerten habe ich lange genug gewartet bis der erfolglose Verkäufer so mürbe war den Preis zu senken.

Gebrauchte Boote sind bereits von der Nutzung gezeichnet. Sie haben Macken und Kerben. Viele finden das unschön. Ich erkenne in diesen Gebrauchsspuren Geschichten, die meine Phantasie anregen. Die Macken, die das Boot schon hat tun mir nicht mehr weh und die, die ich selbst rein mache kommen in gute Gesellschaft und lösen deshalb auch keine Schmerzen aus. So ein Boot will eben genutzt werden. Nur vollkommene Paddler kommen ohne Anecken durchs Paddlerleben. Vollkommenheit ist für mich weder persönlich noch für einen Gebrauchsgegenstand ein realistisches Ziel.

Aber es gibt noch grundsätzlichere Gründe, die für den Kauf eines gebrauchten Bootes sprechen: Wer keine sehr speziellen Anwendungen für sein Boot bezweckt kann in einer über Jahrtausende entstandenen Bootsform kaum noch Verbesserungen erwarten. Es mag für spezielle Einsatzzwecke Optimierungsmöglichkeiten in Form und Material geben, aber grundsätzlich lassen sich an der Form von Allround-Standardmodellen nur noch Veränderungen erzielen, die als Nuancen spürbar sind und bereits in Spezialisierungen führen.

Da ist das besonders schlanke Tourenboot in Schwedenform, bei dem die breiteste Stelle etwas hinter der Mitte liegt damit mehr Geschwindigkeit aufgebaut werden kann oder das etwas voluminösere Boot in Fischform (vorne etwas breiter) bei dem die Sitze weiter in die Mitte gerückt wurden damit es in bewegtem Wasser besser aufschwimmt.

Abgesehen von diesen Nuancen lassen sich allenfalls noch Vorteile in der Verwendung von leichteren Materialien erkennen. Diesbezüglich muss aber ernüchtert festgestellt werden, dass in den vergangenen Jahren keine wirklich revolutionären Gewichtseinsparungen ohne gleichzeitige Einbußen bei der Robustheit der Boote erzielt werden konnten. Ein Tandemcanadier, der alltagstauglich ist, wird auch auf längere Sicht zwischen 20 und 30kg wiegen. Leichtere Boote sind hochempfindlich und schwerere sollte man sich und seinen Mitmenschen nicht zumuten, wenn man über keinen festen Liegeplatz an einem Steg verfügt.

Aber auch bei spezielleren Booten kann der Kauf eines gebrauchten Modells die bessere Alternative sein. – Je spezieller die Bootsformen werden desto erbitterter wird über einzelne Design- und Ausstattungsmerkmale diskutiert. Die „Verbesserungen“ an diesen Booten sind lediglich partiell und noch dazu oftmals als umstritten. Wer also die Chance nutzt ein abgelegtes Boot kaufen zu können weil der Besitzer sich ein neueres, „besseres“ gekauft hat, bekommt in der Regel auch ein gutes Boot, das eben nicht auf dem allerneuesten Stand ist, mit dem man aber auch jede Menge Spaß haben kann.

Deshalb plädiere ich dafür den Marketingstrategen ein Schnippchen zu schlagen, sich auf gebrauchte Boote zu konzentrieren und den Neubootmarkt denen zu überlassen, die uns nach wenigen Jahren ihre fast neuen gebrauchten Boote verkaufen. Wir sollten Ihnen dankbar sein.

Eine Einschränkung muss ich dennoch anführen: Von ganz bestimmten Bootsmodellen gibt es quasi keine Gebrauchtboote weil die Besitzer sich zu Lebzeiten nicht davon trennen. In dem Fall ist es unausweichlich entweder Verzicht zu üben und zu warten bis es aus einer Erbmasse heraus verkauft wird. Dann ist man womöglich auch mit zu viel Konkurrenz konfrontiert. Oder - wenn man meint so ein Boot dringend zu brauchen – mit Hersteller bzw. Händler Kontakt aufzunehmen und sich für den Neukauf zu entscheiden. Ein anderer Grund für so ein Vorgehen könnte der Umstand sein, dass bestimmte Boote lediglich in Übersee angeboten werden oder das es für z.B. handwerklich aufwändig gefertigte Holzboote quasi keinen Gebrauchtmarkt gibt. Die muss man neu kaufen oder - noch besser - selber bauen. 

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