Montag, 22. September 2008

367. Vorderrhein

Anfahrt und Tag 1

Freitagnachmittag sind wir mit drei Autos, vier Erwachsenen und neun Jugendlichen, 12 Kajaks und einem Canadier an den Vorderrhein gefahren.
Erstaunlicherweise kamen wir pünktlich um 17:00 Uhr auf die Straße und kamen – nach einem Zwischenstop zum Vignettenkauf für Anhänger und Auto an der Grenze gegen 21:00 Uhr im Dunkeln in Carrera am Campingplatz an wo unser reservierter Platz von nur einem weiteren Zelt belegt war, um das wir hastig im Licht der Taschenlampen und Gasfunzeln die Zelte aufbauten. Anschließend nahmen wir einen kleinen Imbiss unter einem schon installierten Tarp ein. Dann krochen wir zügig in die Schlafsäcke (meinen hat mir Uwe geliehen - jetzt kenn ich den Unterschied zwischen Billig-Deckenschlafsack und vernünftigem Daunenschlafsack...).
Nachdem Roland schon gegen sieben zum Radfahren aufgebrochen war krochen wir ganz allmählich aus den warmen Schlafsäcken und so gegen 8:00 Uhr gab es dann Frühstück – wir ließen uns von der morgendlichen Kälte nicht die Laune verderben und hatten uns alle warm eingepackt. Meine Laune war zwischenzeitlich leicht geknickt nachdem mein Kaffeekocher im Zelt umgekippt war und allerhand Textilien mit braunem Kaffee getränkt hatte - von der Bodenplane war ein mittelgroßer Kaffeeteich runter zu kippen und der umgekippte Kocher hat ein kleines ovales Loch in die Plane gebrannt. Aber an der Stelle steht - wenns richtig kalt ist - ohnehin der Ofen.
Allmählich kam die Sonne heraus. Gegen halbzehn fuhren Ute und ich los. Wir brachten schon einmal drei der Boote nach Versam und erkundigten uns über die aktuellsten Veränderungen am Fluss (letztes Wochenende gab es ein Hochwasser, so dass sich allerhand am Schwarzen Loch verschoben hat) und brachten dann mit beiden Autos die eine Gruppe nach Illanz, von wo aus sie den oberen kniffligeren Abschnitt des Vorderrheins abpaddelten während wir „vier Mädchen“, Johanna, Rebecca, Ida und ich – nach dem Umsetzten von Utes Auto nach Reichenau - nach Versam zurückfuhren um dort mit unseren vier gelben Booten auf die übrigen zu warten. Das Warten fiel uns zunächst leicht, zumal der Kanushop der Kanuschule Versam allerlei verlockende Angebote bereithielt – für mich war eine Fleece-Mütze drin, die ich unter dem Helm tragen kann und für Johanna hing dort eine sagenhaft günstige Paddeljacke, zu deren Kauf sie aber noch Bettina überreden musste.

Wir warteten. Wir warteten lange. Ganz schön lang...

(und das in unmittelbarer Nähe des auf der gegenüber liegenden Seite des Flusses liegenden Bergrutsches, der erwarten lässt, dass jeden Augenblick mehr Felsen ins Wasser rutschen – PaddlerINNEN lieben das Risiko...)

Schließlich kamen unsere Cracks angepaddelt – es hatte länger gedauert weil sich doch am Schwarzen Loch über eine ziemlich lange Strecke recht viel verschoben hatte, so dass häufig und lang gescoutet und die beste Route beraten werden musste, was zu erheblichen Verzögerungen führte. Umso willkommener war der Imbiss, den wir bei uns hatten und – nachdem die ganze Bande den Kanushop nass gemacht hatte – gingen auch wir endlich auf das Wasser, das wir beim Warten dauernd an uns vorbei rauschen sahen (wobei sich just an der Stelle an der wir saßen für uns schon einmal ganz beeindruckende Wellen mit periodischen Rückläufen gebildet hatte. Wir waren also schon ein wenig eingeschüchtert und voller Respekt).
Der Fluss hatte an diesem Samstag etwas mehr Wasser als üblich und entsprechend druckvoll strömte es durch die enge Schlucht. Die Wellen vor unserem Warteplatz erwiesen sich im weiteren Flussverlauf als durchaus moderat bis harmlos gegenüber denen, die uns noch erwarteten. Erfreulicherweise kamen wir alle diesen unteren zwar harmloseren Abschnitt unbeschadet herunter auch wenn ich ab und an meine liebe Not mit dem Kurs hatte.
Zunächst preschte ich voraus um mich an das schnell fließende Wasser zu gewöhnen und um die anderen mit meinem etwas trägeren Boot nicht aufzuhalten. Etwas zu respektvoll vermied ich die kleinen giftigen Kehrwasser. Als ich dann endlich mal ein angemessen großes fand und eingeholt wurde musste ich mich ob meines Vorpreschens tadeln lassen. Zurecht. Die Gruppe sollte ja beieinander bleiben. Reumütig ordnete ich mich im hinteren Feld ein und versuchte mich Utes Linie anzuschließen. Das geht mit dem Canadier nicht so blendend gut und das eine oder andere Mal musste ich mich in und aus Kehrwassern manövrieren, die die andern wohlweißlich umfahren hatten. Ich kam damit ganz gut zurecht – auch wenn ich dabei einmal bedenklich dicht an einen unterspühlten Felsvorsprung herangetrieben wurde. Da wäre ich beinahe baden gegangen, konnte aber gerade noch heraus gleiten (an eine ähnliche Situation auf der Bregenzer Ache kann ich mich erinnern – unterspühlte Felsen sind mein Alptraum). Hin und wieder musste ich durch tiefere Wellen als mir lieb war aber der kleine voluminöse Phantom schwimmt ja fast immer wie ein Ball auf dem Wasser auf – ganz gelegentlich kam Wasser über den Bug, so dass ich nur einmal auf einer Kiesbank das Boot leeren musste. Im unteren Abschnitt war es dann der Wind, der mir zu schaffen machte und der das Boot beinahe kentern ließ. Übergreifen allein half da nichts – ich musste die Paddelseite wechseln um recht zu stützen und muss doch feststellen, dass ich als „Lefty“ inzwischen auf der rechten Seite reichlich „linkisch“ mit dem Paddel hantiere.
Nach einer guten Stunde – die mir völlig ausreichte für diesen Paddeltag – kamen wir in Reichenau an und verluden die Boote auf den Hänger. Das zweite Auto wurde mit Rolands Hilfe in Versam geholt und es ging zurück zum Campingplatz in Carerra, wo ein großer Topf Maultaschen in Brühe aufgesetzt wurde. Wir mussten auf dem offenen Feuer mit dem umsonst bereitliegenden Holz kochen weil am Gaskocher ein Messingadapter für den Anschluss an die Gasflasche fehlte. Aber das ging erfreulich gut und schnell (außer dass der Topf dabei rabenschwarz wurde). Den Abend verbrachten wir vor dem Feuerchen während uns der kalte Wind in den Rücken blies. Nicht so kuschelig. Ich verkroch mich frühzeitig in Uwes warmen Schlafsack.

Tag 2 und Fazit

Am anderen Morgen gab es erneut um 8:00 Frühstück. Das Thermometer am Campingplatzbüro gab 5 Grad an und wir nahmen entsprechend eingemummelt unser Müsli zu uns. Dann wurden die Zelte ausgeräumt und nass eingepackt (Ätzend, jetzt müssen die Dinger noch mal zum Trocknen aufgestellt werden). Oben auf die Gepäckberge kamen die Paddelsachen und die erste Gruppe wurde – in einer weiteren logistischen Großaktion – an die Einsatzstelle in Illanz gebracht während wir „vier Mädchen“ mit unseren vier gelben Booten erneut Versam ansteuerten. Dort besichtigten wir die Vorbereitungen des Kanu-Slaloms der Kanu-Schule Versam. Wieder wurden Autos nach Reichenau gebracht und Roland beförderte Ute und mich zurück nach Versam (eigentlich hätten wir ja den Zug nehmen können – war aber zeitlich zu knapp als uns das aufging).
Diesmal paddelten wir zusammen mit Ute (und Heiko aus der ersten Gruppe, die in Versam just ankam als wir gerade los wollten) den gleichen Abschnitt herunter. Der Fluss führte erkennbar weniger Wasser, mehr (und andere) Steine ragten heraus, der Wasserdruck war etwas schwächer und wir übten diesmal fleißig Seilfähren, Kehrwasserein- und -ausfahrten, Rückwärtspaddeln und dergleichen mehr. Ich machte im Rahmen meiner Möglichkeiten mit und fühlte mich wesentlich sicherer als am Vortag. Selbst die Angstkehrwasser auf der rechten Flussseite (da muss ich immer übergreifen und kann im Notfall nicht mehr stützen) verloren ihren Schrecken. Ähnlich ging es offenbar den anderen auch. Ich wagte mich etwas offensiver in die tiefen Wellen und musste zweimal auf Kiesbänke um mein Boot zu erleichtern (wenn darin mehr als 4/5cm Wasser hin und her schwappen wird es etwas schwierig zu manövrieren).
Die gewonnene Sicherheit kann trügerisch sein. Und so kam es doch an zwei Stellen zu Kajakkenterungen im lausig kalten Wasser, die aber beachtlich souverän weggesteckt wurden. Selbst hielt ich mich aufrecht. Die vormals einschüchternd hohen Wellen hatten heute ihren Schrecken verloren und auch die reichlich unregelmässigen Wellen im Bereich von Verschneidungen brachten mich nicht völlig aus der Spur – inzwischen haben sich doch Reflexe entwickelt, die mir Anfang des Jahres noch gefehlt haben. Einzig der erneut heftige Wind machte mir wieder zu schaffen aber diesmal wusste ich auch mit ihm besser umzugehen als am Vortag.

Noch vor 16:00 Uhr kamen wir in Reichenau bei den Autos an und nahmen einen Imbiss (kalte Maultaschen, belegte Brote und massig Süsskram – anschließend eine Tasse von Rolands Kaffee) zu uns nachdem die Boote verstaut waren. Dann ging es auf die Heimfahrt. Noch vor 20:00 Uhr kamen wir in Tübingen an.

Obwohl ich an dem Wochenende gerade mal ca. 16km gepaddelt bin habe ich doch wieder einmal allerhand gelernt und Sicherheit gewonnen. Die Gruppe war prima - es ist nett mal die Paddelfreunde-Jugend etwas besser kennen zu lernen und die Erwachsenen haben sich großartig ergänzt. Ute und Bettina haben alles routiniert organisiert (auch wenn Bettina am Ende ganz ordentlich Ringe um die Augen hatte) und Roland als einziger Nichtpaddler war uns eine große Hilfe beim Autos versetzen und beim Ausgleich von Versorgungsengpässen aus den unerschöpflich scheinenden Lagerbeständen seines Wohnmobils und – ganz prima - er hatte stets beim Aussetzen schnell warmen Kaffee auf dem Gaskocher zubereitet. Er konnte an den beiden Tagen für sich auch so manchen Straßenkilometer und den einen oder anderen Höhenmeter mit dem Fahrrad abstrampeln.

Dass ich mit dem kleinen Phantom in dermaßen wuchtigem Wasser so gut klar kam lässt mich erneut über den Verkauf des Outrage nachdenken – auch zum Wildwasserkurs in 14 Tagen auf der Reuss habe ich mich schon mit dem Phantom angemeldet. Eigentlich brauche ich mein ursprüngliches Traumboot nicht mehr unbedingt. Viel dringender könnte ich einen Trockenanzug brauchen damit ich diese muffeligen und stark einengenden Neopren-Klammotten in der kalten Jahreszeit nicht anziehen muss. Da muss ich wohl mal mit Rolf in Verhandlungen treten, der schon länger sein Interesse angemeldet hat (sich aber zwischenzeitlich ein gutes Boot bestellt hat). Im Zweifelsfall gebe ich das feine Boot im Frühjahr dann doch zur Versteigerung frei.

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